Das Leben ist wie ein Gänseblümchen:
Man zupft es Blatt für Blatt, und manchmal
liebt es einen oder eben nicht.

 Gänseblumen

 Manchmal wünsch ich mir die Kraft einer Gänseblume. Im Garten raschelt das Apfelbaumlaub, in den Nächten hat es schon Fröste gegeben. Wiesen und Wegblumen sind erfroren. Im dürren Falllaub blühn Gänseblumen, winzige Sonnen mit Blütenblatt Strahlen.

 Der Schnee fällt, und er bleibt lange liegen. Die Ponys scharren im Apfelgarten: Im erfrorenen Gras blühn die Gänseblumen.

 Der Frühling es taut, und der Schneeverschmilzt. Am feuchten Wegrand blühn Gänseblumen.

 Schneeglocken sprießen an warmer Hauswand. Sie mühn sich, weiße Blüten zu treiben. Die Gänseblumen blühen schon lang. Sie blühten im Herbst, und sie blühten im Winter, sie blühten beim Frost und unter dem Schnee.

 Manchmal wünsch ich mir die Kraft einer Gänseblume

 Erwin Strittmatter